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Der Kulturpessimismus hat mich schneller erwischt, als ich dachte
Die Disco in meiner Stadt wurde renoviert und umgebaut. Es gibt natürlich mehrere Discos, aber nur eine, in der man es halbwegs aushalten kann.* Eigentlich ist es auch gar keine richtige Disco, mehr so eine Mischung aus Café, Kneipe und Club. Als Teenies haben meine Freundinnen und ich hier zu Melissa Etheridge und Radiohead getanzt. Aufregend war das, schließlich waren wir waschechte Dorfpomeranzen, die für ein paar Mark Taxigeld in das großstädtische Nachtleben eintauchten und ein paar Stunden lang am Puls der Zeit lebten. Nunja, jedenfalls kam es uns damals so vor. Erst einige Zeit später wurde uns klar, dass unsere Stadt mehr Provinznest denn Metropole ist. Was sich nicht zuletzt daran erkennen lässt, dass es eben nur eine brauchbare Disco gibt.
Damals trug besagtes Etablissement noch einen anderen Namen und das Interieur versprühte den erdigen Charme eines Biker-Schuppens - jedenfalls in meiner zugegeben schon etwas schwammigen Erinnerung. Umbau und Namensänderung machten daraus die Dizze, die mich mein Studentenleben lang begleiten sollte. Gemütlich war's, mit Sitzecken und warmem Licht, da konnte man auch schon mal um neun hingehen, nen Kakao trinken und ne Runde Kickern, wenn man es vor Langeweile zu Hause nicht aushielt oder wenn man sich vorm Lernen drücken wollte. Gut, nachdem ich meine Teenie-Naivität hinter mir gelassen hatte, konnte mich die Musik bis heute nicht mehr vom Hocker reißen, zumal die DJs entweder immer noch wehmütig an den alten Zeiten zu kleben scheinen und im ewig gleichen Hit-Einheitsbrei rühren oder, sofern sie doch das Terrain aktueller Musik betreten, sich mit bereits abgedudelten Mainstream-Krachern gegen die gefürchtete Leere auf der Tanzfläche zu versichern suchen. Um gute Musik zu hören und neue Perlen der Rock- und Popkultur zu entdecken, brauchte man also nicht dorthin gehen, aber um einen netten Abend zu haben und Freunde zu treffen war's echt ok.
Nun also nach Jahren mal wieder ein Umbau. Man kann mir weder Konservatismus noch eine mit Vorurteilen oder Skepsis beladene Haltung vorwerfen. Schließlich hatte es die ein oder andere abgewetzte Sitzbank wirklich nötig und wer weiß, mit einem neuen Anstrich und einem etwas anderen Stil würde es vielleicht sogar besser aussehen, ja vielleicht würde sich dieser Neustart sogar inspirierend auf die DJs auswirken und ihnen den Mut verleihen, auch mal unbekanntere Bands wie Lack, Convoj oder Metric, Synthie-Helden wie Client, Hott Beat oder The Presets oder vergessene Hits wie "Romeo" von Donna Summer oder "When the rain begins to fall" von Jermaine Jackson & Pia Zadora aufzulegen. Ja vielleicht würde ich dann auch endlich mal Envy, iLikeTrains, Logh, Mew oder die Puppetmastaz laut hören und dazu im Discolicht tanzen können... Nunja, was soll ich sagen - ich habe mein Leben lang zuviel geträumt. Schon als ich durch die Eingangstür trete, wird mir klar, dass ich in Zukunft wohl noch weniger abends ausgehen werde als sowieso schon. Denn der erste Schritt führt mich nicht wie sonst in den Biergarten, sondern in einen Luxus-Hotel-Lobby-ähnlichen Empfangsraum mit Marmorfußboden, zwei Sicherheitsschränken in eleganten schwarzen Anzügen sowie einem Rezeptions-Desk samt Schnittblumen-Deko und zwei Empfangsdamen, die lächeln, als würden sie sich für eine Zahnarztfrau-Reklame bewerben. Bestürzt muss ich feststellen, dass eine der letzten Bastionen im Kampf gegen die Vertussisierung und die Möchte-gern-Hollywood-VIP-Style-Verseuchung der Discoszene gefallen ist. Drinnen ist dann gottlob weniger Schickimickeria anzutreffen, als das neue Image befürchten ließ. Dafür ist der Altersdurchschnitt um grob geschätzte vier Jahre gesunken. Dass die Jungspunde auch ihren Spaß haben wollen, find ich super. Dass ich mit 26 allerdings schon zur Minderheit gehöre, gibt mir doch etwas zu denken. Und dann sehen die Mädchen auch noch alle gleich aus in ihren Rockabilly-Bitch-Uniformen. Herrscherin über das Bienenvolk ist eine mir bislang unbekannte DJane, die sich für ihre grauenvolle Mischung aus New Metal und 0/8/15-Rumheul-Emo und ihren achso extravaganten Style bejubeln lässt. Dabei ist es mir ein völliges Rätsel, wie man 376 Totenköpfe, drei Polka-Dot-Items und zwei Hände voll Früchte spazieren tragen und sich dabei trotzdem als etwas Besonderes fühlen kann. Vielleicht sind es die 124 Totenköpfe mehr, die sie von den anderen unterscheiden? Erfrischend anders wirken dagegen zwei Mädchen mit roten Haarsträhnen und zerrupften Netzstrümpfen, die geradewegs Mark Dery's Cyberpunkphantasien entsprungen zu sein scheinen. Die Offenheit, mit der sie ihre kindlichen Körper zur Schau stellen und als Lustobjekt inszenieren, bereitet mir jedoch Unbehagen.
Meine Stimmung sinkt von Minute zu Minute. Also lieber mal weg von der Tanzfläche und ne Runde drehen, denke ich mir. Besser wird's dadurch nicht. Nervtötendes Geschiebe und Gequetsche durch die verbauten neuen Räumlichkeiten und durch blau beleuchtete Chill-Out-Lounges, die in etwa soviel Gemütlichkeit wie eine UV-Brutzelbank ausstrahlen, und die hübsch geschwungenen Rundbar im ersten Stock musste einem dunkellila Techno-Gruft-Ambiente weichen, in dem sich sicher gut "Laser Quest" spielen ließe, wenn es denn in Deutschland nicht verboten wäre. Unten wie oben gilt: gewollter Edel-Schick meets Pfusch am Bau. Da muss man schon drei Bier getrunken haben, um die mehr schlecht-als-recht an die Wand genagelten Platten und die offen verlegten Kabel zu übersehen. Doch wenn ich es mir recht überlege, ist eigentlich alles rund und stimmig, denn durch ihre Fassadenhaftigkeit passen die neue Disco und ihre Besucher genauso gut zusammen wie Paris Hilton und Nicole Richie - sie haben einander verdient.
* Zumindest was die Stand-Alone-Discos angeht. Mehrfunktionale Lokalitäten bieten mit Disco-Abenden zum Glück ganz annehmbare Alternativen.
unveröffentlicht.