März 2010
M D M D F S S
« Mrz    
1234567
891011121314
15161718192021
22232425262728
293031  

tagebuch.



Berlin Beat Blog #2 - Von Radiohead bis Chokebore

Dies ist der langsamste Blog der Welt! Beweisen kann ich das nicht, das gebe ich zu. Aber durchschnittlich 5 Einträge pro Jahr mit zuletzt stark sinkender Tendenz sind höchst rekordverdächtig, finde ich. Dafür können die handverlesenen Subscriber meines nagelneuen RSS-Feeds sich jetzt auf ein Trommelfeuer gefasst machen. Denn an musikalischen Glanzpunkten hat es in den vergangenen Monaten in Berlin wahrlich nicht gemangelt. Ein Tiefpunkt war indes auch dabei.

RADIOHEAD in der Wuhlheide
Glaubt man an Kalender, ist das schon eine ganze Weile her, nach gefühlter Zeitrechnung jedoch höchstens einen Tag. Ein lauer Sommerabend im neuzeitlichen Amphitheater des Ostberliner Naherholungsgebietes. Leider hat die sterbenslangweilige Vorband sich so viel Zeit gelassen, dass der zunächst abendgerötete und dann sternenklare Himmel bei den ersten Tönen meiner englischen Helden schon bedenklich schwarz aussah. Dafür funkelten die Augen der 40.000 verzauberten Zuhörer umso mehr. Wenn ein Konzert so rundum überwältigend ist, sind Beschreibungen einzelner Eindrücke so unmöglich wie das Herauspicken der besten Frucht aus einem Korb mit durchweg wohlgeformten, saftig-roten Erdbeeren. Nicht einmal der bald einsetzende Regen konnte der allgemeinen Verzückung etwas anhaben, ganz im Gegenteil. Weint der Himmel in den bewegendsten Filmszenen nicht auch immer mit? Untermalt vom herzzerreißendsten Stück des Soundtracks? Außerdem: Wenn man eh schon nasse Wangen hat, kullern die Tränen umso leichter. Spätestens bei “Street Spirit” öffneten sich dann auch alle Schleusen - bei Publikum und Petrus.

Exkursion: MICHAEL JACKSON in der Londoner O2-Arena
…fiel leider aus, weil der Penner sich vorher vom Acker gemacht hat.

MASTODON im Columbia Club
Ich hatte lange überlegt, ob ich mir eine Karte kaufen soll. Damals, Sommer 2006 im Hamburger Club “Logo”, da hatten sie uns alle komplett weggefegt. 400 schweißnasse Menschen standen paralysiert nach dem letzen Lied vor der Bühne und konnten kaum glauben, was sie gerade erlebt hatten. Die tagelangen Nackenschmerzen nahmen wir als spürbare Erinnerung gerne in Kauf. Einzigartige Momente sollten einzigartig bleiben. So werde ich wohl nie mehr zu einem Neurosis-Konzert gehen, seit mir nach ihrem Auftritt beim Roadburn Festival 2007 im niederländischen Tilburg noch minutenlang der Mund offen stand. Doch die neuen, von persönlicher Tragik umwobenen Songs von Mastodon wollte ich dann doch gerne live hören und sehen. Das wandelnde Musiklexikon, mit dem ich zusammenwohne, hatte mir beim erste Hören des Albums erzählt, es sei eine Hommage an die Schwester des Schlagzeugers, die sich im Alter von 14 Jahren das Leben nahm. Das daraufhin einsetzende Schauergefühl erinnerte mich an einen Abend in den mittelspäten 90er Jahren, als ich zum ersten Mal “The Crow” und damit den Tod in Brandon Lee sah. Ich bewundere meine Eltern immer noch dafür, dass sie keine Einwände gegen das düster-bedrohliche Filmplakat erhoben, das sich fortan eine Wand mit einem noch düsteren Kurt-Cobain-Poster teilte, auf dem er der Welt nachrief: “I hate myself and I want to die”.
Aber auch ein ganz profaner Grund trieb mich zu Mastodon: Zum Columbia Club sind’s von mir aus nur 10 Gehminuten. Und wann kann man in Berlin schon mal zu einem tollen Konzert zu Fuß laufen? Dass die eiszeitliche Heimsuchung den netten Kurzspaziergang in eine halbstündige Schlitterpartie verwandelte, konnte ich beim Kartenkauf ja nicht ahnen. Zu allem Übel war die erste Hälfte des Konzerts dann so enttäuschend, dass ich schon dachte, ich hätte den halsbrecherischen Eislauf ganz umsonst auf mich genommen. Die Energie von damals schien professioneller Langeweile gewichen zu sein. Der Vortrag nahezu aller Songs des neuen Albums war so mitreißend wie ein Soundcheck. Wo waren die Rockposen geblieben? Die wilden Zuckungen der gänzlich vom treibenden Rhythmus erfassten Körper? Der entrückte Gesichtsausdruck? Statt Leidenschaft gab es Live-Keyboarder und für jedes Lied neue Gitarren - angereicht von den drei Personal Roadies. Ein Auftritt vor 500 Leuten scheint so aufregend zu sein wie Zähneputzen, wenn man als Vorband von Metallica und Slayer bereits in den Fußballstadien der Welt unterwegs war. Dann war’s auch schon vorbei - kein alter Song, keine Zugabe, keine Nackenschmerzen. Gerade wollte ich mich enttäuscht abwenden, da kamen sie wieder auf die Bühne. Auf der Videoleinwand erschien das Logo des ersten Albums “Remission” und dann ging’ los: eine Stunde Songs von den ersten drei Alben mit Schweiß und Herzblut. Dankbar über den geretteten Konzertabend brach das Publikum in Begeisterung aus und feierte seine Helden. Ich feierte auch, aber damals in Hamburg…. Früher war nicht alles besser - manches aber schon.

BARONESS und SCOTT KELLY im Festsaal Kreuzberg
Der angekündigte Tiefpunkt und mal wieder ein Beweis dafür, dass man als Mitglied einer grandiosen Band nicht zwangsläufig auch ein guter Alleinunterhalter ist. Oder im Klartext: Scott Kelly solo muss nicht sein. Aber Baroness haben den Karren gottlob noch aus dem Dreck gezogen. Wer wie ich ein Faible für Spandex-Metal pflegt, wird an einem Baroness-Konzert seine helle Freude haben.

CHOKEBORE im Festsaal Kreuzberg
Reunions, wo man nur hinschaut. Iron Maiden, Faith No More, Sunny Day Real Estate - sogar Soundgarden sollen ein Comeback planen! Die Jugend holen sie einem nicht zurück, aber die Erinnerung an die Intensität von damals. So auch Chokebore. Ich erinnere mich an einen Auftritt auf dem Immergut-Festival vor einigen Jahren. Herrliches Frühsommerwetter, mittägliches Ausnüchtern beim Sprung in den Badesee und ich hatte zuvor noch nie eine Band aus Hawaii gesehen. Ein befreundeter Tourfahrer hatte mir einen Backstage-Pass besorgt und ich nutzte meinen freien Zugang zu sauberen Toiletten, Snacks und Freibier gnadenlos aus. Beim Konzert von Therapy? stand ich hinter der Bühne, schaute dem Schlagzeuger beim Trommelwirbeln und Biertrinken zu und sah in die funkelnden Augen der Fans. Und Chokebore… Es war die Zeit, in der man ständig verliebt war - in irgendwen, in irgendwas und in Troy von Balthazar. Neulich im Festsaal Kreuzberg gab es weder Freibier noch Badesee- oder Backstagevergnügen. Es gab Fans von damals und Jungspunde, die eines der Stadtmagazine gelesen hatten. Direkt vor mir ein Zwei-Meter-Hühne Anfang 20. Der wollte sich doch tatsächlich weigern mich vorzulassen, als ich ihn darum bat, nachdem ich mir die ersten zwei Songs lang halb den Nacken ausgerenkt hatte. Ich verstehe ja, dass man als großer Mensch auch mal vorne stehen will, aber die höflich vorgetragene Verzweiflung eines echten Fans eiskalt zu ignorieren, grenzt an ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Ich lawienerte mich dann irgendwie durch und eroberte mir schräg vor ihm einen Platz mit akzeptabler Sicht. Als der Hühne beim dritten Song zu seinem Freund sagte, er fände “die Band ganz ok”, ärgerte ich mich darüber, warum ich mich nicht rotzfrech genau vor ihn gedrängelt hatte. Als er dann beim vierten Song anfing, sich mit seinem Freund über “Herr der Ringe” zu unterhalten, wünschte ich mir Juckepulver. Doch bald verschwanden die unliebsamen Stehnachbarn aus meiner Wahrnehmung und ich versank in einem Rausch aus 90-Jahre “Sadcore”, Bier und Erinnerungen an die Zeit der ständigen Verliebtheit. “You are the sunshine of my life…”

März 3, 2010