
‘In Berlin kann ich endlich die ganzen tollen Bands sehen, die ich die letzten 27 Jahre verpasst habe’, dachte ich mir und konnte meine Vorfreude kaum noch bändigen. Dann kam der unterbezahlte Vollzeitjob und ich war froh, wenn ich es am Wochenende schaffte, bis Mitternacht noch nicht vorm Fernseher eingeschlafen zu sein. Zwei Urlaubstage gingen für Envy in Leipzig drauf, das Konzertgeld für den ganzen Monat ebenso und “Pinback” waren zum Einschlafen. Jetzt aber wird es Frühling, die bleierne Müdigkeit weicht aus den Gliedern, mit etwas Glück erhöht sich demnächst mein Budget und die Radiohead-Karte ist bereits gekauft. Zeit für einen neuen Versuch, Zeit für den Beginn von “Berlin Beat Blog”. Den Anfang machen “Earth”.
Wo fängt Musik an und wo hört sie auf? Wenn man davon ausgeht, dass Sunn O))) die Grenzwächter der Musik sind, dann sind “Earth” näher am Landesinneren, als manch genre-ferner Zuhörer wohl vermuten würde. Doch von welchem Genre sprechen wir bei “Earth” überhaupt? Oft hilft ein Blick ins Publikum, nicht so letzten Mittwoch im Lido. Neben den äußerlich Unauffälligen und den unausweichlichen Indie-Schnitten teilte sich die Fangemeinde vor allem in zwei Gruppen - Ethno-Hippies und langhaarige Mättler. Bei den Ethno-Hippies war allerdings nicht ganz klar, ob die wegen “Earth” da waren oder wegen deren zuerst aufspielenden Kompagnon “Sir Richard Bishop”, den man aus der Ferne für Yusuf Islam hätte halten können und der, abgesehen von einem nicht sehr überzeugenden Ausflug in die Barsong-Welt von “Against Me!”, alles tat, um in die Fußstapfen von Ravi Shankar zu treten. Doch auch “Earth” luden durchaus zur Meditation ein. Ja, eine anschauliche Definition von Meditation könnte sein, zehn Minuten auf demselben Akkord zu verharren, ohne dabei auch nur einen Hauch von Monotonie zu erzeugen. Das Geheimnis von “Earth” liegt im Sound, in den kleinen, fast unmerklichen Variationen, im Klingenlassen. Ihre Songs sind so langsam, dass man jeden Schlag der so herrlich uncoolen Schlagzeugerin mit Vorfreude erwartet und durchlebt. Was die drei langhaarigen Mättler vor mir nicht davon abhielt, es trotzdem mit dem gewohnten Headbangen zu versuchen und sie taten mir fast ein bisschen leid, wie sie so verwirrt und enttäuscht dastanden, weil es ihnen nicht gelang, ihre hüftlange Mähne in Zeitlupe vor- und zurückzuwerfen. Weitaus weniger Verständnis hatte ich allerdings für die durchweg brabbelnden Szene-People. Schuster, bleib bei deinen Latschen - für Sehen-und-Gesehen-Werden gibt’s schließlich mit Karrera Klub und Co genug passendere Gelegenheiten.
Die nächste Folge von “Berlin Beat Blog” könnte ebenfalls eine Hommage an die Langsamkeit sein - wenn ich nicht verpeilt hätte, mir rechtzeitig Karten für Portishead zu besorgen. Also, falls irgendwer zwei bezahlbare Tickets für das Konzert am 3. April für mich hat, wäre ich zutiefst dankbar.